von Mario Haunhorst
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30. Dezember 2025
Innenpolitisch und außenpolitisch gibt es große Veränderungen: der Blick in den ARD-Jahresrückblick macht deutlich, dass eine freiheitlich-demokratische Ordnung kein Uhrwerk ist, das wie ein perpetuum mobile einfach immer weiter tickt. Sie ist vielmehr wie ein Lagerfeuer: warm, einladend – aber nur, solange jemand Holz nachlegt und aufpasst, dass es nicht ausgeht oder außer Kontrolle gerät. Bürgerinnen und Bürger im Staat sind nicht bloß Regelbefolger und Zuschauer, sondern Mitautoren . Demokratie ist eben kein Serviceangebot, sondern ein Dauerprojekt – bestenfalls ausgewogen, manchmal anstrengend, oft chaotisch, nie perfekt. Demokratie lebt davon, dass Menschen fragen: Ist das gerecht? Ist das klug? Wem nützt das – und wem schadet es? Wer nur abnickt, delegiert seine Mündigkeit und wundert sich später über das Ergebnis. Er trägt Verantwortung dafür, nicht nur zu gehorchen, sondern zu denken. Gesetze sind Leitplanken , kein Ersatz fürs Gewissen. Hier geht´s um Haltung . Max Frisch kritisiert in seiner politischen Parabel „Biedermann und die Brandstifter“ die Verführbarkeit durch Opportunismus und Heuchelei , die an die Machtergreifung der Nationalsozialisten erinnert. Die Parallelen zum Aufschwung der AFD sind bemerkenswert. Der Schriftsteller Frisch konturiert zudem die Frage nach individueller Verantwortung und Zivilcourage , wenn man die offensichtlichen Anzeichen des Unheils ignoriert.
Der Umgang damit liegt in der Freiheit und Verantwortung jedes und jeder einzelnen.
Welche Anstrengungen sind wichtig, um Demokratie zu stärken? Wer nur seine eigene Freiheit verteidigt, sägt an dem Ast, auf dem alle sitzen. Es geht auch darum, für die Würde und die Bedürfnisse anderer einzutreten. Minderheitenrechte, soziale Fairness, Respekt vor Schwächeren – das sind keine netten Extras - sie verbinden uns in unserer Menschlichkeit. Würde schützt den Menschen bisweilen vor sich selbst, zumindest rechtlich. Und ja, das ist der heikle, manchmal unbequeme Teil der Würde. Denn Würde sagt manchmal: Auch wenn du willst, erlauben wir es nicht. Individuelle Freiheit etwa endet immer dort, wo sie die Würde anderer instrumentalisiert. Deshalb ist Verantwortung zur Solidarität und Teilhabe mit Interesse, Einmischung und Stimme so wichtig, um der eigenen (Welt)anschauung in einer pluralen multikulturellen Gesellschaft freizügig und selbstverständlich Raum und Ausdruck zu geben. Und dann ist da die Verantwortung, Unbequemes auszuhalten . Meinungsfreiheit heißt nicht Wohlfühlpflicht. In einer offenen Gesellschaft begegnet man Irrtümern, Provokationen, manchmal auch blankem Unsinn. Die demokratische Aufgabe besteht nicht darin, alles gut zu finden, sondern darin, zu widersprechen, ohne zu vernichten. Ohne Teilhabe und Teilgabe findet kein Dialog und Kulturaustausch statt. Dafür braucht es gerade in einer repräsentativen Demokratie nicht zwingend Parteibuch und Plakatekleben – aber Interesse, Einmischung, Stimme. Wer sich dauerhaft wegduckt, überlässt das Spielfeld jenen, die sehr genau wissen, was sie wollen. Demokratie verrottet nicht durch Angriffe ihrer Feinde, sondern ebenso durch die Müdigkeit ihrer Freunde. Wir alle tragen Verantwortung für unsere Wahrnehmung und unsere Sprache . In unserer Sprache ist unsere politische Verfassung begriffen und begründet. Kommunikation allgemein ist ein bedeutendes politisches Werkzeug, das den Blick auf die Rolle der Medien lenkt. Medien können aufklären oder vergiften, verbinden oder verrohen. Wer Kommunikation achtlos verwildern lässt, braucht sich über verwildertes Denken und abgrundtiefes, unmenschliches Handeln nicht zu wundern. Die Aufzählung ist unvollständig. Sie macht aber deutlich: Unsere Demokratie ist nur so stark, wie wir sie machen. Guten Rutsch ins Neue Jahr 2026!